Das geplante Hochwasserrückhaltebecken in Feldolling

Vor mehr als 15 Jahren wurden von der Bayerischen Staatsregierung Überlegungen und Planungen begonnen, wie die Bevölkerung zwischen Tegernsee und Rosenheim vor einem 100-jährlichen Hochwasser geschützt werden kann. In diesem Kontext (Raumordnungsverfahren aus dem Jahr 2000) wurde bei Feldolling ein Flutpolder mit einem ursprünglichen Retentionsvolumen von 2,9 Mio. m³ und mit ungesteuertem Einlass vorgesehen. Für die Planungen war das Wasserwirtschaftsamt Rosenheim verantwortlich.

 

Im Herbst 2013 wurde nun durch die Regierung von Oberbayern das Planfeststellungsverfahren zu einem Rückhaltebecken mit 6,6 Mio. m³ und gesteuertem Einlass eingeleitet. In dem Einstauvolumen von 6,6 Mio. m³ sind 2 Mio. m³ der Unterbecken des Leitzachkraftwerks enthalten.

 

Damit wurde über die Jahre aus einem ungesteuerten Seitenpolder mit für Feldolling verträglichen 2,9 Mio. m³ ein gesteuertes HRB mit einem gesamten Wasserrückhalt von 6,6 Mio. m³. Dies entspricht einer Verdoppelung des Volumens.

 

Die ins Raumordnungsverfahren eingebundenen Institutionen (z.B. Gemeinden, Verbände) haben somit im Jahr 2000 unter falschen Voraussetzungen ihre Stellungnahmen abgegeben. Um so etwas zu vermeiden, sollen sich Raumordnungsverfahren immer auf ein konkretes Projekt beziehen.

 

Hier jedoch müssen wir aufgrund der gravierenden Volumenerhöhung und des Wechsels zu einer aktiven Befüllungssteuerung mit all ihren besonderen Herausforderungen von einem neuen Projekt mit deutlich anderen Parametern ausgehen.

 

Für das konkrete Vorhaben HRB Feldolling gibt es somit kein gültiges, projektbezogenes Raumordnungsverfahren. Für die Planfeststellung fehlt also eine wesentliche, formal und sachlich gebotene Grundvoraussetzung.

 

Verschlechterungsverbot und Risiken durch das HRB Feldolling

Im Rahmen der geänderten Planfeststellung des HRB Feldolling wurden im Vergleich zum Raumordnungsverfahren 2000 erhebliche Verschlechterungen und Risiken für den Gemeindeteil Feldolling und Schwaig in Kauf genommen, um beim überregionalen Hochwasserschutz die anderen Mangfall- und Leitzachanlieger zu schonen.

 

Die Gefährdung am planfestgestellten RHB kann man an 3 Hochwasserszenarien festmachen.

 

1. Mangfallhochwasserereignisse bis zu HQ100:

 

Im Fall eines Mangfallhochwassers von HQ30 bis HQ100 wird in der Regel das HRB nicht geflutet. Dann drückt der erhöhte Pegel der Mangfall in Höhe des Weilers Schwaig Wasser durch den durchlässigen südlichen Damm in die Ansiedlung. Ein Abfluss der Wassermengen in die Felder wie es heute geschieht, wird durch die bodenverdichtenden Seitenwände der Einlaufrinne verhindert.

 

Risiko: Die Ansiedlung Schwaig wird mit großer Häufigkeit mit Hochwasser über der Geländeoberkante konfrontiert werden, ohne dass die Mangfall übertritt. Dies stellt eine verbotene Verschlechterung der Situation vor Ort dar.

 

2. HQ100  Mangfallhochwasser

 

Bei einem HQ 100 Hochwasser und der aktiven Flutung des HRB sieht sich der Ortsteil Feldolling entlang der Breitensteinstraße einer bis zu 4 m hohen Wassersäule am gegenüberliegenden Ufer ausgesetzt.

 

Da der Dammbereich auch hier durchlässig ist, wird Wasser aus dem HRB durch das Prinzip der kommunizierenden Röhren in die Mangfall und das gegenüberliegende Ufer gedrückt.

 

 

 

Risiko: Die Unterdimensionierung der notwendigen Drainageleitungen auf Feldollinger Seite führt dann zu Überschwemmungen in Feldolling, eine klare verbotene Verschlechterung im Vergleich zur momentanen Situation.

 

Risiko: Da die Dammkrone des HRB über dem Geländeoberkantenniveau des Weilers Schwaig liegt, wird bei falschem Betrieb oder Defekten des Einlasswehrs das gesamte Becken befüllt und damit der Weiler Schwaig geflutet.

 

Dies stellt im Vergleich zu den Planungen des Raumordnungsverfahrens 2000 eine verbotene Verschlechterung der Situation dar, in der Ursprungsplanung lag die Dammkrone ca. 2,6 m unterhalb der Geländeoberkante in Schwaig.

 

3. Mangfallhochwasser > HQ300

 

Bei einer Extremwetterlage mit Hochwasserlagen über HQ300 an der Mangfall kann die Situation auftreten, dass das HRB wegen Sperrdammbruchgefahr geschlossen werden muss und damit der Siedlung Feldolling, den heute zur Verfügung stehenden Retentionsraum für das Ableiten der Hochwasserwelle entzogen wird.

 

Risiko: Unter diesen Umständen wird eine überhöhte Flutwelle große Teile von Feldolling zerstören. Diese Verschlechterung im Vergleich zur momentanen Situation wurde sogar von den Planern eingeräumt.

 

Zusatzrisiken durch das HRB Feldolling bei Hochwasser

Der Hochwasserschutz entlang der Mangfall und der Leitzach wurde zugunsten des verdoppelten Rückhaltevermögens und der aktiven Steuerung des HRB Feldolling zurückgefahren.

 

Trifft nun die Hochwasserwelle entgegen der Prognose zu einem anderen Zeitpunkt als geplant ein, dann verpufft die gesamte Wirkung des gesteuerten HRB Feldolling und die Mangfallanlieger stehen ohne wirksamen Schutz da.

 

Beim Hochwasserereignis im Juni 2013 lagen die Prognosen und der tatsächliche Hochwasserscheitel immerhin 4 h auseinander !

 

Ohne zusätzliche Redundanzen durch dezentrale Hochwasserschutzanlagen drohen dem Mangfalleinzugsbereich bei Versagen der aktiven Steuerung des HRB Feldolling starke Überflutungen. Kombinationen von passiv gefluteten, also baulich von vornherein festgelegten Poldern entlang der Leitzach und der Mangfall bieten hier einen robusteren und ausgewogeneren Schutz.

 

Zusatzrisiken durch das HRB Feldolling durch Grundwasser

Sobald die Mangfall deutliches Hochwasser führt, steigt der Grundwasserspiegel. Die Folge sind vollgelaufene Keller und unter Wasser stehende Grundstücke. Der Wasserstand der Mangfall und ggf. Stark- bzw. Dauerregen sind für den raschen Anstieg des Grundwassers maßgeblich.

 

Sollte nun das HRB tatsächlich gebaut werden, haben die Bewohner des unteren Feldollinger Ortsteils nicht nur den Wasserstand der Mangfall zu fürchten, sondern eine Wassersäule von bis zu vier Metern Höhe im befüllten Rückhaltebecken auf der anderen Seite der Mangfall.

 

Nach dem Prinzip der kommunizierenden Röhren wird das Grundwasser erheblich ansteigen und gravierende Folgen für die Anwohner Feldollings haben..

 

Das Wasserwirtschaftsamt versucht hier zu beruhigen, da aktuelle Grundwasser-modelle keine Gefahr für Feldolling anzeigen und weiterhin eine Drainage für den Ablauf des Grundwassers in Planung sei.

 

Diese Drainage soll in den nördlichen Mangfalldeich eingebaut werden und Grundwasser ableiten. Der Verlauf der Drainagerohre ist in etwa auf Höhe der Kelleroberkanten der Wohnbebauung geplant.

 

Kein einziger Keller wird mit dieser Maßnahme geschützt; die Keller können einfach volllaufen. Darüber hinaus sind die Rohre für eine Abflussmenge von lediglich ca. 3,5 m³ Wasser pro Sekunde ausgelegt. Durch die Mangfall können allerdings bei einem Hochwasserereignis, bei dem das Rückhaltebecken gefüllt wird, vielleicht 350 m³ Wasser in der Sekunde durchfließen. Eine Grundwasserabführung von gerade einmal 1% dieses Mangfall-Durchflusses ist wirkungslos.

 

Eine Modellierung hat immer höchstens die Qualität, wie die der zugrunde gelegten Daten. Deswegen werden Modelle zur Überprüfung ihrer Aussagekraft immer an realen Messungen abgeglichen. Das Hochwasserereignis im Juni 2013 kam den Voraussetzungen einer Flutung des Rückhaltebeckens schon sehr nahe; gleichzeitig liegen lückenlose Messdaten vor.

 

Dieses Hochwasserereignis zeigt, dass die Aussagekraft des Grundwassermodells des Wasserwirtschaftsamtes am Hochwasserereignis 2013 zu überprüfen ist. Leider verweigert das Wasserwirtschaftsamt Rosenheim einen Abgleich.

 

Bei extremen Wetterereignissen droht den Feldollingern nicht nur Ungemach durch die Mangfall; von Norden bietet der Feldkirchner Bach weiteres Überschwemmungs-potential. Die durch diese Wannenlage bestehende Situation wird durch ein befülltes Rückhaltebecken weiter verschärft werden.

 

Es entsteht der Eindruck, dass das Wasserwirtschaftsamt Rosenheim bis heute das Zusammenspiel von Feldkirchner Bach, Mangfall und Rückhaltebecken zu Lasten der Anwohner Feldollings und der Schwaig unterschätzt und wie im Folgenden beschrieben weitere Grundsätze und Fakten nicht berücksichtigt.

 

1. Hydrogeologische Landesaufnahme Bayern

Der Bayerische Landtag hat im Jahr 1997 beschlossen, dass bayernweit eine sog. „hydrogeologische Landesaufnahme“ durchgeführt werden soll. Eine hydrogeologische Landesaufnahme hat das Ziel, "für jeden Ort zu jeder Zeit Aussagen und Prognose über die jeweiligen Wasservorkommen zu machen".

 

Dazu werden im Rahmen der Europäischen Wasserrahmenrichtlinie für die Flussgebiete in Bayern Wasserbilanzen erstellt. Der Erfassungsprozess sollte im Jahr 2015 abgeschlossen sein. Anhand der Ergebnisse sind Fragen nach Einzugsgebieten von Gewässern fachlich begründet eindeutig beantwortbar.

 

Beim Erörterungstermin zum geplanten HRB Feldolling am 5./6. Mai 2014 wurden u.a. die Annahmen des Wasserwirtschaftsamtes über die Einzugsgebiete von Leitzach, Mangfall und Tegernsee mit seinen Zuflüssen besprochen.

 

Diese Annahmen werden substanziell zur Begründung von Lage und Größe des geplanten Rückhaltebeckens sowie zur Bewertung von Alternativen an Leitzach und Tegernsee herangezogen. Bereits während der Erörterung wurde deutlich, dass die Realität der beim Hochwasser im Juni 2013 gemessenen Wasserdurchflussmengen an Leitzach, Mangfall und Tegernsee-Zuflüssen den Annahmen des Wasser-wirtschaftsamtes über die jeweiligen Einzugsgebiete wesentlich widerspricht.

 

Die Feldollinger Anwohner fordern daher, dass die Resultate, der vom Landtag beschlossenen hydrogeologischen Landesaufnahme, in die Berechnungen und Planungen zum Rückhaltebecken Feldolling einbezogen werden und dadurch eine deutliche Verbesserung der Erkenntnissicherheit über Ausdehnung der Einzugsgebiete, Angemessenheit von Lage und Größe des Rückhaltebeckens sowie die Bewertung von Alternativen gewonnen wird.

 

2. Alpenkonvention

Die Pläne zum Rückhaltebecken Feldolling erfüllen nicht die Vorgaben der auch von Deutschland unterschriebenen Alpenkonvention zum Schutz und zur nachhaltigen Entwicklung des Alpenraums, zu dem auch der Kreis Rosenheim zählt.

 

In Artikel 10, Abs. 2, Satz 1 des Bodenschutzprotokolls der Alpenkonvention verpflichten sich die Vertragsparteien, „dass in gefährdeten Gebieten … naturnahe Ingenieurtechniken angewendet sowie örtliche und traditionelle, an die landschaftlichen Gegebenheiten angepasste Baumaterialien eingesetzt werden."

 

Die Pläne zum Feldollinger Rückhaltebecken in ökologisch und landschaftlich sensiblem Gebiet verstoßen mit ihrem auf rein technischen Hochwasserschutz ausgerichtetem Konzept (z.B. gesteuertem Wassereinlass), dem Bau und dem Betrieb des Beckens sowie den irreversiblen künstlichen Baumaßnahmen gegen den zitierten Artikel 10, Abs. 2, Satz 1.

 

Darüber hinaus enthält Art. 15, Abs. 1, ein Gebot der Vermeidung von Bodenverunreinigungen durch Wasser; gegen dieses Gebot wird hier ebenfalls verstoßen.

 

Feldollinger Bürger fordern, dass die Regierung von Oberbayern den planenden Behörden die vollumfängliche Einhaltung der Alpenkonvention zur Auflage macht.

 

 

Moderner Hochwasserschutz - dezentral und verteilt

Hochwasserschutzmaßnahmen reduzieren die Risiken für Leben und Gut der Menschen, die in der Nähe von hochwassergefährdeten Gewässern leben.

 

Es gibt verschiedene Maßnahmen zum Hochwasserschutz.

 

Natürliche Maßnahmen umfassen Möglichkeiten, dem Wasser entlang des Wasserlaufes natürliche Ausbreitungsmöglichkeiten - etwa in Auen -  zu bieten und den Zufluss von Regenwasser zu reduzieren.

 

Beispiele für solche Maßnahmen sind:

  • Renaturierung von Flussläufen um dem Wasser natürliche Ausbreitungsmöglichkeiten zu bieten
  • Wiederherstellung von Auenlandschaften als natürliche Überschwemmungsgebiete
  • Angepasste Bewirtschaftung landwirtschaftlich genutzter Flächen, um den Wassereintrag in die Hochwassergefährdeten Gewässer zu reduzieren

Technische Maßnahmen umfassen, neben den, für einzelne Gebäude möglichen Maßnahmen, auch kleinere oder größere Einrichtungen um die Ausbreitung des Wassers gezielt zu beeinflussen.

 

Dazu zählen unter anderem

  • Spundwände
  • Dämme
  • Rückhaltebecken und Polder

Ein Hochwasserschutzkonzept darf sich nicht auf eine einzige Maßnahme stützen – wie es der aktuelle Stand der Planung für den Hochwasserschutz an der Mangfall ist. Dort wird ein Rückhaltebecken geplant, dessen Volumen im Laufe der Zeit verdoppelt wurde.

 

Zusammen mit der Vergrößerung des Vorhabens in Feldolling wurden Vorhaben an anderer Stelle eingestellt, nicht weiterverfolgt, oder neue Hochwasserschutz-Vorhaben an anderer Stelle zu klein dimensioniert.

 

Mit Blick auf Hochwasserschutzprojekte in anderen Ländern und Bundesländern in Deutschland wird deutlich, dass der eingeschlagene Weg – alles auf eine Karte – nicht Erfolg versprechend ist.

 

Statt eines Mammutprojektes sehen moderne Konzepte die Integration von mehreren, möglichst verteilten Maßnahmen vor. Diese aufeinander abgestimmten Maßnahmen erlauben es wesentlich flexibler auf Hochwassersituationen zu reagieren und minimieren das Risiko beim Ausfall einer Maßnahme einen kompletten Verlust des Hochwasserschutzes zu erleiden.